Pressestimmen

FAZ, Nr.265, 14.11.2000

Donaueschingen klingt anders

Bielefeld beherbergt jetzt ein Institut für das Studium der Weltgesellschaft

Gesellschaften sind keine regional bestimmten Gebilde. Man mag von der deutschen im Unterschied zur französischen Gesellschaft sprechen, aber wer wollte einen Spaziergang an die Grenze dieser beiden Einheiten unternehmen und sagen: Jetzt noch zwanzig Meter und wir sind auf dem Gebiet der französischen Wirtschaft, Kunst, Religion und Wissenschaft. Zwar gibt es nicht zu bestreitende regionale Eigenheiten und mitunter sogar den Versuch von Territorialstaaten, eine bestimmte Religion, einen eigenen Stil wissenschaftlicher Forschung oder eine Art der Rechtssprechung politisch zu privilegieren. Doch ob sich solcher Eigensinn durchhalten läßt, wieviel regionale Unterschiede also verwirklicht werden können, darüber wird nicht vor Ort entschieden, sondern durch ihrerseits überregionale Prozesse. Spätestens seit dem Ende des letzten Großversuchs. eine territorial sich isolierende Wirtschaftsordnung gegen die Weltwirtschaft durchzusetzen, die des Sozialismus. ist dies offenkundig. Begriffe wie Weltliteratur. Weltreligion, aber auch die Menschenrechte dokumentieren die entsprechende Universalisierung gesellschaftlicher Strukturen auf anderen Gebieten. Wenn man davon Abstand nimmt, in ihnen den Versuch einer Homogenisierung des sozialen Lebens zu beargwöhnen, lassen sie sich als Indizien für die Existenz einer Gesellschaft im Singular heranziehen.

Eine solche Gesellschaft kann dann Weltgesellschaft genannt werden. An der Universität Bielefeld wurde jetzt ein eigenes Institut für das Studium der Weltgesellschaft gegründet. Hervorgegangen ist es aus dem Versuch einiger dort ansässiger Sozialwissenschaftler, bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) das Interesse an einem Sonderforschungsbereich zu diesem Thema zu wecken. Untersucht werden sollten so divergente Sachverhalte wie die Weltfinanzmärkte und ihr weltläufiges Personal, die Erscheinungsformen weltweiter Migration oder der Umgang mit wissenschaftlichem und technologischem Wissen in weltumspannenden Industrien. Der entsprechende Entwurf wurde von den Gutachtern zwar mehrheitlich gutgeheißen, doch mehrheitlich genügte nicht. Von Anträgen überschwemmt, kann sich die DFG derzeit oft nur dadurch helfen, keine anderen mehr als die einstimmig befürworteten Sonderforschungsbereiche durchzuwinken. Nach einer Denkpause entschlossen sich die Bielefelder Sozialwissenschaftler zur Suche nach anderen Geldgebern, und mit Unterstützung des nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministeriums kann die Forschung jetzt ihren Lauf nehmen. Bereits im Vorzug, den im Namen des Instituts "Weltgesellschaft" vor "Globalisierung" erhält, wird ein programmatischer Akzent, den sie setzen möchte, deutlich. Wer von Globalisierung spricht, unterstellt einen Prozeß der Diffusion von zunächst nur regional vorfindlichen Sachverhalten, zumeist eine weltweite Verbreitung von europäischen Innovationen. Weltliteratur ist dann etwas, das sich aus dem Austausch des hochkulturellen Kanons ergibt, wenn Shakespeare in Afrika und Hafis in Weimar ankommt. Weltwirtschaft oder universell praktizierte Wissenschaft werden dann entsprechend als Resultate von Exporten verstanden.

Ohne die entsprechenden Vorgänge in Abrede zu stellen, betont der Begriff der Weltgesellschaft stärker den umgekehrten Tatbestand: die Bedeutung, die die Existenz "einer Welt" für das soziale Leben in ihr hat. Beispielhaft für solche Forschungen sind diejenigen des Stanforder Soziologen John W. Meyer, aus denen er zur Eröffnung des Bielefelder Instituts berichtete. Meyer hat sich mit dem Nationalstaat gerade den Sachverhalt vorgenommen, der oft als Indiz gegen die Existenz einer Weltgesellschaft und zugunsten eines Pluriversums territorialer Sonderwege angeführt wird. Vergleiche man aber, so Meyer, die hervorstechenden Merkmale der Nationalstaaten, so stoße man auf eine geradezu ermüdende Ähnlichkeit. Weder die Lektüre von Verfassungen noch die von Schulbüchern sei abwechslungsreich. Überall, selbst in den vermeintlichen Peripherien, setzen sich dieselben internationalen Moden durch, nehmen die Staaten an den jüngsten Errungenschaften der Weltpolitik teil. Das betrifft Werte wie stabiles Geld oder Völkerverständigung ebenso wie die dazugehörigen Institutionen. Überall, so Meyer, hießen die Kriegsminister jetzt Verteidigungsminister. Ja, selbst die Pflege nationaler Besonderheiten, wie etwa die staatliche Förderung der bretonischen Sprache in Frankreich, sei erkennbar der Ausdruck einer weltweiten Begeisterung fürs Regionale. Der Nationalstaat, weit entfernt, den Beweis für ein Pluriversum zu sein, ist inzwischen tatsächlich eine Kopiervorlage.

Deren Herkunft findet Meyer in den Tausenden von politischen Organisationen, in denen sich die Staaten weltweit engagieren, von den Vereinten Nationen abwärts. Die dort wirkenden Experten, denen ein eigenes Projekt des Bielefelder Instituts gelten soll, bemühen sich als eine Art institutionalisiertes Weltbewußtsein darum, daß es auch in der Mongolei Schulmilch, auch an tansanischen Universitäten Gleichstellungsbeauftragte und sogar im britischen Geschichtsunterricht Distanz zu ungebremstem Nationalbewußtsein gibt.

Während Meyer mit beinahe kulturkritischem Erstaunen über so viel Homogenisierung berichtete, akzentuierte der Philosoph Hermann Lübbe dem genau entgegengesetzte Vorgänge. Gerade die Verdichtung der Verkehrswege und die Beschleunigung der Kommunikation durch neue Technologien stärkten die Peripherien und lokale Sonderwege. Alle Wege mögen wie vordem nach Rom führen, aber niemand muß sie mehr befahren, um dort eine Nachricht loszuwerden oder ein Geschäft zu tätigen. Die Anziehungskraft der Zentren läßt gerade bei weltweiter Erschließung des Raumes nach. So nehme mit der technologischen Vereinheitlichung der Welt die Zahl der Staaten zu, nicht ab, weil immer kleinere Einheiten lebensfähig seien. Lübbe zeichnete das Bild einer hochföderalen Zukunft der Weltgesellschaft, in das nur die Europäische Union noch als Monstrum aus einer vergangenen Ideenwelt hineinragte. Vom Optimismus, mit der der Philosoph die Kunsthalle Emden und der Donaueschinger Musiktage als Belege für kulturelle Dezentralisierung vorbrachte, mochte man sich anstekken lassen oder skeptisch bleiben. Daß bei der Eröffnung eines Instituts für weltgesellschaftliche Studien der Zufall es wollte, daß ein amerikanischer Modernisierungsforscher die kulturpessimistische Rolle und ein deutscher Philosophen die des Zuversichtlichen übernahm, muß als gutes Zeichen gewertet werden.

JÜRGEN KAUBE