Pressestimmen

Neue Westfälische, Nr.261, 9.11.2000

Wie Weltbürger werden Bielefelder
Soziologen gründen "Institut für Weltgesellschaft"

VON MANFRED STRECKER

Bielefeld. "Es gibt Weltgesellschaft." Dieser These verdankt sich eine neue wissenschaftliche Einrichtung an der Universität Bielefeld, gefördert durch das Innovationsprogramm Forschung des Landes. Heute wird mit einem Vortragsprogramm an der Fakultät für Soziologie das "Institut für Weltgesellschaft" eröffnet, das Forschungsprojekten über die Entwicklung einer die nationalen Grenzen überschreitenden Vergesellschaftung ein Dach bietet.

Mit dem Schlagwort "Globalisierung" wird eine solche Entwicklung zur Weltgesellschaft schon seit Jahren registriert, die Bevölkerung damit geradezu mobilisiert und zu Verzichten aufgefordert, "damit wir im weltweiten Wettlauf nicht ins Hintertreffen geraten". Die Welt jedoch, so scheint es, ist keine Ansammlung mehr von Vaterländern. Für die Bielefelder Soziologen ergibt sich daraus ein Schlüsselthema weltgesellschaftlicher Forschungen: Wird der Nationalstaat, eine – weil sie auch Nationalismus mit sich brachte – zwiespältige Errungenschaft der Moderne, in der Weltgesellschaft bestehen? Die Prognosen stehen nicht allzu günstig. Der Nationalstaat ist in vielen Hinsichten zu klein, um mit grenzüberschreitenden Problemen fertig zu werden. AIDS zum Beispiel ist eine Weltkrankheit, sie überfordert die Steuerungsleistung eines Staates ebenso wie die internationalen Finanzmärkte, die nationale Währungssysteme spielend unter Druck setzen können.

Nach dem Forschungsprogramm des "Instituts für Weltgesellschaft" verfolgen die Bielefelder Soziologen auch die andere Seite dieser These, mit der die entstehende Weltgesellschaft erst voll erfasst wird. Der Nationalstaat ist in vielen Hinsichten zu groß. Familienstrukturen lösen sich auf, der Arbeitsmarkt garantiert kein durchgängiges Erwerbsleben mehr. Der Sozialstaat kann gegen Lebensrisiken nicht mehr umfassend Vorsorge treffen. Und die Menschen sind gezwungen, neue soziale Lebensformen, Beziehungen und Netzwerke unterhalb des Nationalstaats zu erfinden, um allen Wechselfallen zu begegnen. Zwischen den neuen Formen sozialer Mikrostrukturen, wie es die Soziologen nennen, und den "global players", den weltweit agierenden Unternehmen und Organisationen, gerät der Nationalstaat ins Schlingern. Dass sich gesellschaftlich bewährte Strukturen einfach auf Weltmaßstab erweitern, eine solche Lösung erwarten die Bielefelder Soziologen nicht. Einen Weltstaat mit Machtmonopolen, wie sie die Nationalstaaten besitzen, wird es nach der absehbaren globalen Entwicklungsdynamik nicht geben. Damit verschwindet allerdings auch eine Grundlage, die autonom gewordenen, nur ihren eigenen Zielsetzungen folgenden sozialen Ordnungen in Wirtschaft, Wissenschaft oder Medien auf gesellschaftliche Verantwortung zu verpflichten.

Einzelne Forschungsprojekte von Bielefelder Soziologen sind dem "Institut für Weltgesellschaft" bereits zugeordnet. Einen Paradefall für die Spannung zwischen globalem Handeln einerseits und lokaler Verwurzelung andererseits, dem sich eines dieser Projekte widmet, bilden die ambitionierten Sportvereine. Sie müssen die gegenläufigen Anforderungen von Spitzensport, Publikum und Vermarktung ausbalancieren.

Auf dem Platz tun sich die Mannschaften mit ihrer internationalen Besetzung zunehmend schwer, den Fans unverbrüchliche Identifikationen und Wir-Gefühle zu vermitteln. International muss man mittlerweile auf viel zu vielen Wettbewerben Leistung zeigen, um sicher vom zu bleiben. In der medizinischen Versorgung – ein anderes Forschungsprojekt – ist Globalisierung seit über einem Jahrzehnt im Gang. In die westliche Schulmedizin sind traditionelle chinesische und indische medizinische Wissensbestände und Praktiken eingedrungen, die die akademisch-wissenschaftliche Medizin aussondert und eher ächtet. "Wer heilt, hat recht." Wenn es um die Gesundheit geht, schwindet alltagsschlau die Abneigung gegen Multikulturelles.

Der Weltbürger, lange ein moralisches Ideal der Aufklärung, besitzt längst soziale Realität. Ein weiteres Bielefelder Forschungsprojekt beschäftigt sich mit einer "kulturell globalisierten Mittelschicht" der Weltgesellschaft, die sich vermutlich nicht weniger einflussreich wie die Mittelschichten der nationalen Gesellschaften erweisen wird: die Entwicklungsexperten und Regierungsberater, unterstützt und im Dienst von internationalen Organisationen wie Weltbank, IMF oder den Kirchen. Wie solche Menschen, die überall zu Hause sind, zu einem Selbstverständnis finden, könnte Aufschluss geben, wie sozial "Verweltlichung" funktioniert. "Es gibt Weltgesellschaft."