Pressestimmen

Stadtblatt, Nr.46, 9.11.2000

Auferstanden aus Ruinen
Nach dem geplatzten Sonderforschungsbereich feiert das »Institut für Weltgesellschaft« an der Fakultät für Soziologie seinen Einstand

Es war im August 1999, da die Deutsche Forschungsgemeinschaft beschlossen hatte, der Fakultät für Soziologie den lang ersehnten Sonderforschungsbereich (SFB) mit dem schönen Titel »Weltgesellschaft - Strukturwandel des Sozialen unter Globalisierungsbedingungen« nicht zu genehmigen. Danach konnte man In den Unifluren die Beteiligten am geplanten Großprojekt an der Länge Ihrer Gesichter erkennen. Bei den entgangenen 35 Millionen bei einer Höchstlaufzeit von vier mal drei Jahren, waren die befürchteten Folgen für Forschung und Lehre kaum abzuschätzen. An dem SFB, der aus insgesamt 17 Einzelprojekten verschiedener Disziplinen bestehen sollte, hing nicht nur ein bedeutendes Stück Reputation für die Universität, sondern auch über 30 Stellen für Nachwuchswissenschaftler.

Trotzdem hat sich Rudolf Stichweh, Dekan der Fakultät für Soziologie, nicht entmutigen lassen. Zusammen mit anderen aus der Planungsgruppe des SFB suchte man nach einer Alternative; und schon im darauf folgenden Oktober wurde beschlossen, das Thema »Weltgesellschaft« zu erhalten und die Einzelprojekte bei externen Geldgebern einzureichen. Daraus sollte dann ein interdisziplinäres Forschungsinstitut werden. Aber schon aus einem anderen Grund macht dies Sinn, hatte doch bereits 1971 Niklas Luhmann, das Aushängeschild der Bielefelder Soziologie, einen einflussreichen Aufsatz zur Theorie der Weltgesellschaft verfasst. Er ging davon aus, dass es in der Gesellschaft der Gegenwart nur noch ein Gesellschaftssystem, das der Weltgesellschaft, gebe, da anders als in früheren Gesellschaftsformen heute alle Menschen weltweit füreinander kommunikativ erreichbar sind. Sicherlich, das klingt bei der Allgegenwart des vieldeutigen Wortes »Globalisierung« genauso einleuchtend wie banal. Um deshalb zu zeigen, dass mehr dahinter steckt, soll im neuen Institut an empirische Forschung angeknüpft werden, um an speziellen gesellschaftlichen Bereichen und Gegenständen die Folgen der »Weltgesellschaft« zu erforschen. Dies heißt natürlich nicht, dass alles, was unter dem Dach des Instituts abläuft, streng in Luhmanns Kommunikationstheorie fungieren muss. Einige der Projekte stehen dieser Vorstellung vielleicht sogar konträr gegenüber. Aber Vielseitigkeit belebt das Geschäft, hier: die wissenschaftliche Diskussion.

Vielleicht besser als ein SFB

Ein gutes Jahr nach der Katastrophe vom August '99, steht die offizielle Einweihung des »Instituts für Weltgesellschaft« nun bevor. Wenngleich man nicht auf das Budget des ursprünglichen Plans heranreichen kann, so hat man doch vom Land mit der Finanzierung der ersten drei Jahre einen schönen Ausgleich schaffen können. »Wenn es so weiter geht«, so Stichweh, »dann könnte durch die Kontinuität, die ein Institut aufweisen kann, sich auf lange Sicht unsere Unternehmung gar als ein Vorteil gegenüber einem SFB erweisen«. Dies hängt zuerst damit zusammen, dass ein SFB alle drei Jahre neu beantragt werden muss und keinesfalls für die Gesamtlaufzeit 'ausgesorgt' ist. Zudem ist in Planung, dieses Institut eng mit der Lehre verschiedener Fakultäten der Universität zu vernetzen. Denn die Konsequenzen der Weltgesellschaft betreffen alle. Weiterhin schwebt Stichweh ein Graduiertenkolleg vor, vielleicht gar ein eigenes weltgesellschaftliches Graduiertenstudium. Damit hätte man nicht nur die überschaubaren Möglichkeiten eines SFB übertrumpft, sondern könnte auch bald Maßstäbe für die gezielte Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der bundesdeutschen Hochschullandschaft setzen.

Matthias Groß