Pressestimmen

Frankfurter Rundschau 13.03.2001

Rudolf Stichweh

Strukturen der Weltgesellschaft

Starke und schwache Bindungen: Ein Überblick über die neue globale Sozialordnung

Die Weltgesellschaft ist das einzige Gesellschaftssystem, das es gegenwärtig auf der Erde noch gibt. Das ist eine historisch neue und singuläre Bedingung. Fast die ganze Geschichte der Menschheit war dadurch bestimmt, dass Hunderte oder Tausende von Gesellschaftssystemen nebeneinander existierten, zwischen denen es gelegentlich zu Kontakt oder Austausch kam, was aber nichts an der Geschlossenheit dieser Gesellschaftssysteme gegeneinander änderte. Auch die regionalen Großreiche der Antike, des Mittelalters oder der frühen Neuzeit koexistierten immer mit anderen Großreichen desselben Typs und zudem mit Hunderten oder Tausenden kleiner, lokaler Gesellschaften, die gar nicht oder nur marginal in diese Großreiche einbezogen waren.

Insofern deutet die Existenz nur noch eines einzigen, weltweiten Gesellschaftssystems auf einen dramatischen Umbruch hin. Dieser hat sich in den letzten fünf- bis sechshundert Jahren langsam vollzogen, seit sich mit dem Aufstieg und der globalen Expansion des europäisch-atlantischen Gesellschaftssystems zum erstenmal eine "Großreichsbildung" durchsetzte, die nie politisch vereinheitlicht wurde, auf die der Begriff des "Großreichs" also im Grunde gar nicht passt, die vielmehr eine "Gesellschaft" hervorbrachte. Bei aller Ungleichartigkeit und Konflikthaftigkeit, die diese Gesellschaft durchzieht, sind gerade die Unterschiede und Konflikte als gesellschaftsbildende Momente zu verstehen. Heute hat die Weltgesellschaft, ungeachtet ihres westlichen Ursprungs, auch die anderen großen Kulturen, die die Vormoderne prägten, absorbiert.

Für die Theorie der Weltgesellschaft ist eine der wichtigsten Fragen, wie man sich diesen Prozess der Absorption von Differenzen und Konflikten vorstellen kann. Es kann sich weder darum handeln, dass alle Verhaltensdifferenzen und kulturelle Differenzen umstandslos verschwinden und weltweite Homogenität einkehrt, noch kann sich die Bildung von Weltgesellschaft so vollziehen, dass alle überlieferten kulturellen Differenzen in das System der Weltgesellschaft übernommen werden.

Also ist sowohl die These der "McDonaldisierung" der Welt (Ritzer) wie auch die Annahme der "multiplen Modernen" (Eisenstadt) als Beschreibung der Weltgesellschaft nicht zutreffend. Weltgesellschaft kann nur entstehen, wenn es ihr gelingt, historisch neue Eigenstrukturen herauszubilden, die vorliegende kulturelle Differenzen sowohl aufnehmen wie auch in ihrer Prägekraft zurückdrängen. Einige dieser neuartigen Eigenstrukturen der Weltgesellschaft stellen die folgenden Überlegungen vor.

Der wichtigste Kandidat auf unserer Liste ist wohl das Funktionssystem. Die Weltgesellschaft gründet nicht auf dem Zusammenstoß großer Zivilisationen (wie Huntington meint), sondern setzt sich über funktionale Differenzierung durch. Damit ist gemeint, dass große Funktionskomplexe als weltweite Kommunikationszusammenhänge entstehen, die die Autonomie der Regionalkulturen der Welt gewissermaßen aushöhlen. Nicht nur die üblicherweise genannten Bereiche "Weltwirtschaft" und "Weltpolitik" sind hier anzuführen. Die Herausbildung eines globalen Kommunikationszusammenhangs findet ebenso in einer Reihe anderer Funktionskomplexe statt: Weltreligionen und Weltliteratur sind historisch frühe Beispiele; der globale Vergleichszusammenhang des Sports ist seit der ersten Olympiade der Neuzeit (1896) etabliert; und so unterschiedliche Felder wie medizinische Therapien, die Beobachtung und Imitation künstlerischer Artefakte, wissenschaftliche Wahrheiten, Nachrichten und TV-Formate, bevorzugte Reiseziele, Lehrbücher für Primarschulen und vieles andere mehr gehören heute weltweiten Beobachtungs-, Vergleichs- und Kommunikationssystemen zu.

Alle diese Funktionssysteme sind zudem Produzenten globaler Semantiken, die in den Regionalkulturen der Welt die Einheitlichkeit nach innen und die Geschlossenheit nach außen unterminieren - und zwar gerade, weil sie diese nicht frontal angreifen, sondern mit sehr spezifischen, sachthematisch fokussierten Formulierungen zurückdrängen.

Die Karriere des Funktionssystems wird begleitet von der Karriere der formalen Organisation. Diese entsteht - in historischer und sachlicher Nähe zum Funktionssystem - in den religiösen, gelehrten und Handelskorporationen des europäischen Spätmittelalters, und sie erweist sich schon in Spätmittelalter und früher Neuzeit als erstaunlich in ihrer Fähigkeit zur schnellen Gründung immer neuer ausländischer Filialen. Die Jesuiten im 16. bis 18. Jahrhundert sind ein beispielhafter Fall, als religiöse Organisation und zugleich als Erziehungsorganisation, die in wenigen Jahrzehnten in Europa und über die Grenzen Europas hinaus in Hunderten von Neugründungen tätig wurde.

In der Gegenwart leisten Organisationen vor allem drei Dinge. Sie erlauben einen globalen innerorganisatorischen Transfer von Personal, der durch die an sich geltenden politischen Migrationshemmnisse überraschend wenig beeinträchtigt wird. Entsprechendes gilt für Wissen. Auch Wissen wird innerorganisatorisch - und dann weltweit - offensichtlich erheblich leichter und mit größerer Wirkungschance weitergegeben, als dies durch seinen Verkauf auf ökonomischen Märkten möglich wäre. Schließlich eignet sich die formale Organisation dafür, die globale Vernetzung in einem weltweiten innerorganisatorischen Verbund von Filialen mit der lokalen Einbettung der jeweiligen örtlichen Niederlassung zu verbinden.

Vergleichsweise jüngeren Datums ist das Nachdenken über die soziale Strukturform Netzwerk. Das Studium von Netzwerken war anfangs eine Angelegenheit von Sozialanthropologen, die sich für relativ abgeschlossene, lokale Gemeinschaften interessierten. Gemeinschaften norwegischer Fischer beispielsweise waren ein charakteristischer Studiengegenstand. Erst in neuerer Zeit wird die Globalisierungsrelevanz von Netzwerken deutlich, und dies weit über die Wissenschaft hinaus. Wir alle wissen heute, dass wir in Beziehungsnetzwerken leben, die auch beim normalen Bürger 1 000 bis 1 500 Personen umfassen und die wir nicht mehr als lokal verankert erfahren. Mit einer aktuelle Trends der Selbstbeschreibung geschickt aufnehmenden Wortwahl nennt das Wall Street Journal seine seit einem Jahr täglich erscheinende Beilage zur New Economy, "Networking".

Soziologisch steckt hinter diesem Aufstieg der Netzwerkidee eine stärkere Individualisierung der in Netzwerke eingehenden sozialen Einheiten, seien dies nun Individuen oder überpersonale soziale Gebilde; ein Sich-Begnügen mit schwachen Bindungen in einem Netzwerk, deren relative Schwäche oder Unverbindlichkeit durch die Vielzahl der Bindungen, die man eingeht, ausbalanciert wird; schließlich eine Verwischung der Grenzen zwischen persönlichen und unpersönlichen Beziehungen, einem Unterschied, der am Anfang der Moderne, vor vielleicht zweihundert Jahren, so bedeutsam schien. Netzwerke können unter diesen Umständen sehr groß werden, sie enthierarchisieren die moderne Gesellschaft und ihnen kann ein welteröffnender (das heißt, weltweite Zugangschancen eröffnender) Charakter für die an ihnen Beteiligten zufallen. Das verändert die Festigkeit und die Kontrollchancen der oben beschriebenen Strukturform Organisation. Auch Organisationen müssen sich in organisationsübergreifende Netzwerke einfügen. Sie sind beispielsweise als Wirtschaftsorganisationen gerade dann erfolgreich, wenn sie verstehen und akzeptieren, dass sie nur einen geringen Teil der von ihnen ausgehenden Wertschöpfungskette kontrollieren können.

Eine McKinsey-Studie stellte 1998 fest, dass der Gesamtumsatz des damals größten Unternehmens der Welt, Microsoft, nur vier Prozent der Wertschöpfungskette ausmacht, die sich mit den Produkten dieses Unternehmens verbindet (auf Windows bezogene Software und Dienstleistungen). Dieses Sich-Einfügen in eine Wertschöpfungskette ist zu unterscheiden von den ausdrücklich unter Unternehmen vereinbarten Kooperationen. In dieser Hinsicht ist für ein global tätiges Softwareunternehmen heute eine Zahl von 500 bis 600 Kooperationspartnern normal, wobei eine für die Informalität der Netzwerkökonomie charakteristische Asymmetrie darin besteht, dass Kooperationen zwar vereinbart werden, aber nicht formell beendet werden, vielmehr unbemerkt auslaufen. Resümierend kann man sagen, dass Netzwerke ihren Teilnehmern globale Wirkungschancen bieten, sofern diese bereit sind, Kontrollverluste in Kauf zu nehmen.

Eine dem Netzwerk verwandte, aber doch ganz anders verfasste soziale Form ist die "epistemische Gemeinschaft". Diese wird durch starke kognitive und normative Bindungen zusammengehalten, die in Netzwerken nicht erreichbar sind, weil diese primär auf informellen, relativ schwachen Bindungen aufruhen, und die in Organisationen entbehrlich sind, weil diese ihre Mitglieder formal über Mitgliedschaftsregeln auf den Organisationszweck verpflichten. Um noch einmal die Software-Branche als Beispiel zu benutzen: Die Gemeinschaft der Linux-Entwickler stellt den bemerkenswerten Fall einer epistemischen Gemeinschaft dar, die an bestimmten Punkten mit den Imperativen des Funktionssystems Wirtschaft zu kollidieren scheint, weil sie den unentgeltlichen Zugang zu einem Kernprodukt (das Betriebssystem) für alle offen zu halten versucht. Gleichzeitig kann die Zugehörigkeit zu einer epistemischen Gemeinschaft zu Konflikten mit den Organisationen führen, denen Linux-Entwickler in ihrer Berufstätigkeit angehören.

Einigermaßen autonome epistemische Gemeinschaften kennt die westliche Entwicklung seit dem Spätmittelalter, entweder als professionelle Gemeinschaften (Ärzte, Juristen) oder als wissenschaftliche Gemeinschaften (Physiker, Philologen), wobei der Unterschied zwischen diesen beiden Typen anfangs klein war. Epistemische Gemeinschaften verdanken ihre Globalisierungswirkung der Tatsache, dass die kognitiven und normativen Bindungen, auf denen sie ruhen, sich immer auf eine Sache und einen dieser Sache zugeordneten Wissensbestand beziehen. Die jeweiligen Wissensbestände lassen regionale oder lokale Einschränkungen ihrer sozialen Bedeutsamkeit als unbegründet erscheinen, so dass die globale Einbeziehung kompetenter Interessenten in diese epistemischen Gemeinschaften sich - sofern die kommunikationstechnischen Voraussetzungen gegeben sind - selbstläufig ergibt. Wenn die moderne Gesellschaft, wie heute häufig gesagt wird, eine Wissensgesellschaft ist - und das hieße, dass innerhalb und außerhalb der Wissenschaft immer mehr Wissenssysteme entstehen, die von großer sozialer Wirkungsfähigkeit sind -, muss man mit einem Bedeutungsgewinn für globale epistemische Gemeinschaften rechnen und mit sozialen Überraschungen, die sich aus deren sach- und wissensgestützter Autonomie ergeben.

Eine weitere Form der Strukturbildung ist der Markt. Dessen Nennung in diesem Zusammenhang mag überraschen, weil man bei Markt nur an Wirtschaft denkt, und es insofern mit einem begrenzten Phänomen zu tun zu haben glaubt. Ich möchte einen allgemeineren Begriff des Marktes benutzen, der in der Soziologie nicht ohne Vorbilder ist (etwa bei Harrison White), außerhalb davon aber ziemlich unbekannt ist. Danach liegt ein Markt dort vor, wo an die Stelle der Vernetzung unter sozialen Einheiten und an die Stelle der Normen, die diese miteinander vernetzen, folgendes Phänomen getreten ist: Die relativ intensive und häufig wiederholte wechselseitige Beobachtungen unter sozialen Einheiten, und zwar Beobachtungen, die sich auf Leistungen beziehen, die diese auf einem von ihnen unterstellten Markt für diese Leistungen in Konkurrenz zueinander zu erbringen versuchen.

Die weltgesellschaftliche Relevanz dieser Strukturform liegt darin, dass sie auf allen Ebenen sozialer Ordnungsbildung vorkommt, zum Beispiel als lokaler Markt miteinander konkurrierender Handwerker, aber auch als Weltmarkt für Finanzplanungssoftware oder etwa für Autoreifen. In beiden Fällen bewegt sich die Zahl der einander beobachtenden sozialen Einheiten in ähnlichen Größenordnungen, obwohl die jeweiligen Systeme extrem verschiedene Ausdehnungen aufweisen. Sehr große und sehr kleine Systeme sind strukturähnlich.

Die Liste der Formen von Strukturbildung, die die Weltgesellschaft charakterisieren, ist eine erweiterungsfähige Liste. Bei allen genannten Merkmalen handelt es sich um Jahrhunderte alte, aber schrittweise an Bedeutung gewinnende Formen. An ihnen wird plausibel, dass die Weltgesellschaft die Vielfalt der Regionalkulturen der Welt nicht durch Homogenisierung ausschaltet, sondern dass sie vielmehr immer neue Formen der Strukturbildung darüber legt, die die informative Relevanz der Regionalkulturen zurückdrängen und an ihre Stelle neue Quellen von Diversität setzen.

"Weltgesellschaft kann nur entstehen, wenn es ihr gelingt, historisch neue Eigenstrukturen herauszubilden, die vorliegende kulturelle Differenzen sowohl aufnehmen wie auch in ihrer Prägekraft zurückdrängen."