Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Prof. Dr. Sabine Andresen, Ulrich Schneekloth, Ingo Leven
Nach dem Modell der Shell Jugendstudien werden jetzt auch Kinderstudien durchgeführt. Das weltweit operierende Kinderhilfswerk World Vision Deutschland eV hat sich bereit erklärt, als Auftraggeber für diese Studien zu fungieren und sie in regelmäßigen Abständen zu finanzieren. Die Studie dokumentiert zum ersten Mal im deutschen Sprachraum in eíner methodisch abgesicherten Form, wie Kinder als Angehörige der jüngsten Generation denken, fühlen, ihre Lebenslage bewerten und ihre Zukunft einschätzen. Dabei wurden alle Lebensfelder der Kinder berücksichtigt, von der Familie über Kindergarten und Grundschule bis zum Freizeitbereich, den Mediensektor und die Gleichaltrigen- und Freundschaftsbeziehungen. Auch die Wünsche und Ängste der Kinder bei politischen Themen und Zukunftsfragen wurden berücksichtigt.
Methodik
Die 1. World Vision Kinderstudie besteht aus einer Repräsentativbefragung von 1600 Kindern in der Altersgruppe von acht bis elf Jahren. Da die Shell Jugendstudien im Alter von 12 Jahren einsetzen, wurde diese Altersobergrenze gewählt. Liegen weitere Erfahrungen mit der Befragung von Kindern vor, soll die Altersspanne in nachfolgenden Studien auf die sechs- und siebenjährigen Kinder ausgedehnt werden. Sie sind in der 1. World Vision Kinderstudie bereits durch ausführliche Porträts vertreten, die über ihre gesamte Lebenssituation berichten. Dadurch ist eine Kombination von quantitativen und qualitativen Erhebungsverfahren erfolgt. Alle Interviews werden von geschulten professionellen Interviewerinnen und Interviewern durchgeführt. Nach dem Muster der Shell Jugendstudien handelt es sich bei der World Vision Kinderstudie nicht um eine Untersuchung, die sich in erster Linie an ein wissenschaftliches Publikum richtet. Vielmehr sind die pädagogischen und politischen Entscheidungsträger und die Gestalter der kindlichen Lebenswelten die zentralen Adressaten der Untersuchung.
Ergebnisse
Kind sein in Deutschland heißt für die große Mehrheit der befragten Kinder: In einer Familie sein. Die Eltern werden geliebt, die Beziehung zu den Eltern wird von der großen Mehrheit als angenehm, konfliktarm und innig geschildert. Nur sechs Prozent der Kinder haben regelmäßigen Streit mit ihren Eltern, „nur“ 14 Prozent berichten aktuell von körperlichen Züchtigungen. Diese positive Entwicklung gilt für alle Familienformen, für einheimische Deutsche ebenso wie für die fast 25 Prozent der Kinder, die einen Migrationshintergrund haben.
Der Kontakt der einheimischen deutschen und der Kinder aus Zuwandererfamilien ist recht gut. Über 80 Prozent der Zuwanderkinder haben einheimische deutsche Freunde zu ihrem letzten Geburtstag eingeladen, umgekehrt sind es gut 40 Prozent. Nur eine kleine Gruppe von Kindern aus Zuwanderfamilien, etwa 10 Prozent, bezeichnet sich als schlecht integriert.
Nach den Ergebnissen der Studie sind Kinder im Guten und im Schlechten, sozusagen auf „Gedeih und Verderb“, auf ihre Eltern angewiesen. Für die Befragung hat TNS Infratest Sozialforschung einen Index für die Festlegung der sozialen Herkunftsschicht gebildet, in den die finanzielle Lage der Familie und der Bildungsgrad der Eltern als maßgebliche Faktoren eingehen. Wer hiernach zu den unteren 25 Prozent gehört, wird in eine Familie mit relativ ungünstigen Ressourcen und Impulsen für die eigene Entwicklung hineingeboren. Die ungünstige soziale Lage strahlt als massive Benachteiligung auf die gesamte Persönlichkeits- und Leistungsentwicklung der Kinder aus. Während in der oberen Herkunftsschicht 82 Prozent aller Kinder das Abitur anstreben, sind es bei der unteren Herkunftsschicht nur 21 Prozent. Die Ungleichheit zeigt sich besonders deutlich in der Freizeit. Das benachteiligte Viertel der Kinder verbringt diese Zeit überwiegend mit passiven Handlungen, insbesondere Fernsehen und andere elektronische Spiele. Demgegenüber kommen Sport, Kunst, Musik und Lesen erheblich zu kurz. Die Studie dokumentiert damit die zunehmende „Kulturalisierung“ von sozialer Ungleichheit: Die Benachteiligung von Kindern erfolgt über dem Mechanismus ihrer Zurücksetzung bei Anregungen ihrer Sinne und Impulsgebungen für ihre soziale und kognitive Entwicklung.
Die World Vision Kinderstudie zeigt neben der sozialen Herkunft auch deutliche Unterschiede nach Geschlechtern. Die Mädchen sind erheblich stärker unter den aktiven und vielseitigen Freizeitlern und bauen dadurch ihren Vorteil für die Leistungsentwicklung aus. Am Ende der Grundschulzeit schlägt sich das bereits in optimistischeren Perspektiven für die spätere Schullaufbahn nieder. Die Jungen neigen stärker zu passiven Freizeitbeschäftigungen und schädigen damit schon früh ihre Entwicklungschancen im Bildungsbereich.
Die Studie untersucht auch die Auswirkungen der Berufstätigkeit von Müttern und Vätern. Die Ergebnisse zeigen, dass auch bei zwei berufstätigen Eltern die Zufriedenheit mit der Zuwendung von Mutter und Vater sehr groß sein kann. Kritischer sehen die Kinder die Lage bei arbeitslosen Eltern, weil hier die Struktur des Zeitalltags verloren gegangen ist. Der entscheidende Wunsch der Kinder liegt bei einer zuverlässigen und qualitätsreichen Zuwendung, die für sie zeitlich genau einschätzbar ist.
Die Ergebnisse der Studie werden ausführlich unter kinder- und familienpolitischen Gesichtspunkten interpretiert. Die Autoren plädieren für eine stärkere Einbindung der Familie in öffentliche Betreuungseinrichtungen und gesellschafltiche Unterstützungssysteme, sodass Eltern nicht überfordert sind und zugleich Kinder aus benachteiligten Elternhäusern Ausgleichsimpulse erfahren können.
Publikationen
Hurrelmann, K., Andresen, S. und TNS Infratest Sozialforschung: Kinder 2007. 1. World Vision Kinderstudie. Frankfurt: Fischer Taschenbuch 2007




