Von der Neuen Industrie zur new economy 
Unternehmensgeschichte und die Probleme von heute

Symposium im Wissenschaftszentrum Berlin
28. November 2002

Die neuen Industrien des späten 19. Jahrhunderts sind längst zu typischen, etablierten und tragenden Branchen der deutschen Wirtschaft geworden. Sie bestimmen das Wachstumstempo, stützen den Arbeitsmarkt, prägen das Geschehen an der Börse und sind für die Spitzenstellung des Exports verantwortlich. Nicht wenige Unternehmen der neuen Industrie sind zu global players aufgestiegen, wenn sie es nicht schon immer gewesen sind. Es ist gewiß nicht übertrieben festzustellen, daß sich an ihrem Schicksal, an ihrer Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt die Zukunft der deutschen Wirtschaft in nachindustrieller Zeit entscheidet. Das macht die Geschichte dieser nun meist über Hundert Jahre alten Unternehmen zu einem wichtigen Kapitel in einer noch offenen Epoche der deutschen Wirtschaftsgeschichte.
    Das Symposium nimmt neue Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Unternehmensgeschichte (zuletzt u. a. BASF, Krupp) zum Anlaß, der Frage nachzugehen, welche Voraussetzungen "neue Industrien" des späten 19. Jahrhunderts mitbringen, um vor den Herausforderungen der "Neuen Industrie" des frühen 21. Jahrhunderts zu bestehen. Ihre Unternehmensgeschichte umspannt eine Epoche der deutschen und internationalen Wirtschaftsgeschichte, die mit dem Aufstieg der "neuen Industrie" im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einsetzte und in ihrer Konfrontation mit der new economy an der Wende zum 21. Jahrhunderts noch nicht abgeschlossen ist. Die BASF gehört zu den Pionieren jener "Zweiten Wirtschaftlichen Revolution", die nach dem Urteil des Nestors der Neuen Institutionenökonomie, Douglass C. North, die Bedeutung anderer wirtschaftlicher Zäsuren, wie der Industriellen Revolution, weit in den Schatten stellt und hat seit ihrer Gründung inmitten dieses revolutionären Umbruchs die Grundlagen und Rahmenbedingungen unseres gegenwärtigen Wirtschaftslebens aktiv mitgestaltet. Sie verkörpert wie kaum ein anderes Unternehmen jene Symbiose zwischen Wirtschaft und wissenschaftlicher Forschung, die den Kern der wirtschaftlichen Wertschöpfung ausmacht - bei der BASF schon bald nach ihrer Gründung, in der Gesamtwirtschaft in einem während des 20. Jahrhunderts wachsenden Maße. Der Chemiekonzern stand mit an der Spitze dieser Entwicklung, war aber auch tief in die Krisen einbezogen, die diesen Prozeß begleiteten und die wirtschaftliche und politische Entwicklung im vergangenen Jahrhundert weltweit charakterisiert haben.
    Das Symposium will die Entwicklung der "neuen Industrie" und damit den Kern der deutschen und internationalen Industriegeschichte aus mikroökonomischer Perspektive untersuchen und dazu vier Themenbereiche anschneiden:

  1. Alte Industrien, Neue Industrien, new economy:
    Entwicklungsstufen oder Transformationsprozeß?
  2. Weltmarkt: international, regional, transnational, global?
  3. Kontinuität und Wandel des industriellen Unternehmensregimes
  4. Wissenschaft und Technik: Alte und neue Leitbilder

    Grundlegend ist die Analyse des Wandels der Funktionsweise von Unternehmen, ihrer Herrschafts- und Lenkungsverhältnisse, des Finanzsystems, der industrial relations, des Qualifizierungssystem und des Verhältnisses zu anderen Unternehmen der jeweiligen Branche und der Gesamtwirtschaft (Branchen-System). Die Frage nach der Konstituierung und dem Wandel des sozialen Systems der Produktion, das uns in den Unternehmen der "neuen Industrie" gegenübertritt, gehört daher zu diesen Themen.
    Die meisten von ihnen zählen zu den Vorreitern der Expansion globaler und transnationaler Marktbeziehungen und bestimmen nicht selten noch heute als global players die Spielregeln der Weltwirtschaft. Ihre Geschichte lehrt uns, daß die neue Dimension und Dynamik des Weltmarktes schon bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges einen hohen Stand erreichte, der erst wieder in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts übertroffen wurde. Der Prozeß, den wir heute Globalisierung nennen, wurde während des 20. Jahrhunderts zwar immer wieder durch die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise unterbrochen, nicht aber in seinem inneren Zusammenhang zerissen. Aus der Geschichte von Unternehmen wird dies deutlicher als aus der makroökonomischen Perspektive.
    Die neuen Industrien haben spezifische Strategien entwickelt, um sich an neue Rahmenbedingungen anzupassen. In der chemischen Industrie der sechziger Jahren war es vor allem die Vorwärtsintegration, die mit der Absicht eingeschlagen wurde, den Alterungsprozeß im Lebenszyklus der Branche zu unterlaufen. Die Vorstellung, aus der neuen Industrie des späten 19. Jahrhunderts könnte die "old economy" des 21. Jahrhunderts werden, ist bis heute weit verbreitet. Sie setzt freilich eine extrem enge Definition der spezifischen Inhalte voraus, die den Aufstieg der new economy der Jahrhundertwende charakterisieren. Will man den Kern der neuen Produktionsweise nicht auf die Informationstechnologie beschränken, so auffällig deren Dynamik als Führungssektor dieser Entwicklung auch ist, so müssen allgemeinere Kriterien gelten, um altes von neuem zu unterscheiden. Die klassische Drei-Sektoren-Hypothese, die die sektorale Entwicklung der Gesamtwirtschaft von agrarischer Tätigkeit und Wertschöpfung über die materielle Produktion der Industriegesellschaft zu den immateriellen wirtschaftlichen Grundlagen der Dienstleistungsgesellschaft beschreibt, ist dazu wenig hilfreich. Die empirische Wirtschaftsforschung hat längst herausgefunden, daß auch innerhalb des industriellen Sektors immaterielle Tätigkeit und Wertschöpfung am dynamischsten wachsen und in nachindustriellen Volkswirtschaften, wie den USA und Deutschland, bei funktionaler Betrachtung bereits mehr als drei Viertel der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung auf immaterieller Grundlage beruhen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, daß Alterungsprozesse von Industrien im wesentlichen nicht von ihrer Branchenzugehörigkeit abhängen, sondern von ihrer Fähigkeit, einen wachsenden Teil ihrer Wertschöpfung auf immaterielle Produktionsprozesse zu gründen. Selbst klassische Unternehmen der "alten Industrie" wie der Krupp-Konzern waren schon in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts in dieses Stadium der Entwicklung eingetreten.
    Dem Produktionsfaktor Wissenschaft kommt dabei als Motor von Forschung und Entwicklung die größte Bedeutung zu. In diesem Sinne hat sich die Grundidee der neuen Industrie des späten 19. Jahrhunderts längst auch in traditionellen "alten Industrien" durchgesetzt und - soweit dies erfolgreich war - deren Überleben gesichert. Die Chemische Industrie gehört zu den Pionieren dieses Transformationsprozesses, der die Gesamtwirtschaft im 20. Jahrhundert auf eine neue Grundlage gestellt hat. Ihre führenden Unternehmen verkörpern diesen Prozeß selbst in hoher Perfektion. Die BASF steht beispielhaft für diese Entwicklung. Die Tätigkeitsmerkmale ihrer Mitarbeiter verschoben sich im Laufe des 20. Jahrhunderts immer mehr hin zur immateriellen Arbeit. Forschung und Entwicklung auf wissenschaftlicher Basis sind konstitutiv für ihre Produktionsweise. Das Verbundsystem schuf die Voraussetzungen zu immer neuen innovativen Kombinationen. Ein wachsender Teil des Gesamtaufwandes an F&E fließt in seine Perfektionierung. Es repräsentiert nicht mehr und nicht weniger als die immaterielle Grundlage der Produktion, während die äußere Erscheinungsform des Verbundes in ihrer materiellen Struktur nicht zu übersehen ist. Andere Zweige der neuen Industrien haben ebenfalls Wege gefunden, das klassische Jäger-Jagdhund-Syndrom im F&E-Bereich durch integrierte Systeme der Innovation zu ersetzen.
    Ziel des Symposiums ist nicht zuletzt, den Gegenstand deutscher Industriepolitik näher zu bestimmen. Diese war lange - und ist es zum Teil noch heute - am Leitbild der materiellen Produktion ausgerichtet. Der Suche nach einem wirtschaftspolitischen Konzept, das produktive Ordnungspolitik unter postindustriellen Bedingungen sicherstellen kann, ist das abschließende Panel gewidmet, das die Perspektiven von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammenführen soll.


Ablauf

9.15 - 9.30
Begrüßung und Arbeitsprogramm

9.30 - 11.00 Themenbereich I
Alte Industrien, Neue Industrien, new economy: Entwicklungsstufen oder Transformationsprozeß?

Orientierungsreferate:

Werner Abelshauser, Institut für Weltgesellschaft, Universität Bielefeld
Howard Gospel, Management Centre, King´s College, London

11.00 - 12.30 Themenbereich II
Weltmarkt: international, regional, transnational, global?

Orientierungsreferate:

Henning Klodt, Institut für Weltwirtschaft, Kiel
Ray Stokes, Europe-Japan Social Science Research Centre, University of Glasgow

12.30-14.00 Mittagessen

14.00 - 15.30 Themenbereich III
Kontinuität und Wandel des industriellen Unternehmensregimes

Orientierungsreferate:

Paul Erker, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Sigurt Vitols, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

15.30 - 17.00 Themenbereich IV
Wissenschaft und Technik: Alte und neue Leitbilder

Orientierungsreferate:
Jeffrey A. Johnson, Villanova Universität, Philadelphia
Ulrich Wengenroth, Münchner Zentrum für Wissenschafts- und Technikgeschichte


17.30 - 19.30 Panel: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft


Das Symposium findet im Ratssaal des ehemaligen Reichsversicherungsamtes (A 300) im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Reichpietsch-Ufer (neben der Neuen Nationalgalerie) statt. Es werden etwa 60 Teilnehmer erwartet, darunter ca. 35 geladene Diskutanten. Auf Platzgründen ist Anmeldung erforderlich. Konferenzsprache ist deutsch. Beiträge auf Englisch sind willkommen.